Ordnungs- und Navigationsmodelle des Internets
von Prof. Dr. Joan K. Bleicher.
Ordnungsmodelle erleichtern den Umgang mit Medien, indem sie deren Komplexität reduzieren; so lassen sich die Angebote von Massenmedien z. B. durch die Einteilung nach Themen oder Genres strukturieren. Für das Internet als neuartiges Medium bieten sich in dieser Hinsicht zwei Möglichkeiten: Einerseits lassen sich etablierte Ordnungsmodelle auf Teilbereiche des WWW anwenden, jedoch unter Anpassung an die web-spezifischen Eigenschaften der entsprechenden Angebote – die zeitliche Ordnung für das Online-Fernsehen erübrigt sich, da alle Beiträge gleichzeitig verfügbar sind. Darüber hinaus lassen sich für das Medium Internet aber auch eigene Ordnungsmodelle entwickeln.
Als Repräsentation des Internet erweist sich das Raummodell als besonders geeignet („Cyberspace”). Dabei erleichtert die Vertrautheit mit sinnlichem Raum den Zugang zur Raumerfahrung des neuen Mediums. So lassen sich die Aspekte des WWW darstellen als
- Kommunikationsräume, die soziale Interaktion mit weltweiter Reichweite und in neuen Formen bereit halten,
- Interaktions- und Konsumräume, deren kommerzieller Wert je nach Besucherzahl und Werbewirksamkeit bewertet wird,
- Informationsräume für Informationsspeicherung und -verbreitung ohne unmittelbares physikalisches Korrelat, in denen sich auch neue Inhaltsformen (z. B. user generated content) entwickeln,
- Simulationsräume, die mediale Wirklichkeitsmodelle zur Verfügung stellen und Netzwerke des „realen” Lebens nachbilden und als
- Kultur- und Spielräume, die den Besucher einerseits mit fiktiven Alternativwelten, anderseits mit Simulationen des synthetisch reproduzierten Alltags (Sims Online) herausfordern.
Der Zugang zu diesen Räumen erfolgt für den Nutzer häufig über Portale, die als Eintrittspforte ihre metaphorische Entsprechung in der Architektur, wie etwa dem Kirchenportal finden.
Ergänzend zum räumlichen Ordnungsmodell ermöglichen textorientierte Modelle das Verstehen des dem WWW zugrunde liegenden Hypertext: Im Internet ist Text nicht länger nur sequenzieller Informationsträger, sondern dient (über eine rein beschreibende Funktion hinaus) auch zur Vernetzung und multimedialen Erweiterung von Inhalten. Die Möglichkeit, sich vom linearen Textfluss zu lösen, wurde sogar als Grundlage für neue Schreibmodelle gesehen, in der Praxis stellt sich die Nutzung der assoziativen Eigenschaften von Hypertext bisher jedoch weniger spektakulär dar.
Für die Orientierung im weltweiten Datennetz stehen neben Supersites und den Portalen, die nach Themen oder anderen Kriterien vorsortierte Links anbieten, die Suchmaschinen als wichtiges Instrument. Sie übernehmen die Funktion des Bibliothekars oder des Redakteurs, der das enorme Informationsangebot filtert und dem Nutzer (scheinbar) nur das für seine Recherche relevante Material liefert. Es sollte jedoch nicht übersehen werden, dass die Zuverlässigkeit von Suchmaschinen Grenzen hat: Das Überangebot an existierenden Websites, von denen 1999 alle Suchmaschinen zusammen weniger als die Hälfte verzeichnete, kommerzielle Interessen von Suchmaschinenbetreibern, was zu einem verzerrten Ranking von Suchergebnissen führen kann und die Schwierigkeit, alle Formen von Inhalten in geeignete Suchbegriffe zu übersetzen.